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Das Gefühl von...

Eulenpost(s): Das Gefühl von...

Mittwoch, 9. Mai 2012

Das Gefühl von...

Es ist ja kein Geheimnis mehr hier, dass ich gerade in den letzten Runden meines Studiums bin. Deswegen schreibe ich auch leider so wenig über Bücher und Filme. Das hole ich aber ab nächster Woche nach.
Wenn ich so überschlage, wer so alles mein Leser ist, dann ist die Gruppe ja doch recht gemischt, oder? Vom Schüler über den Studenten bis zum "Arbeiter" ist alles vertreten.
Dann kennt ihr doch sicher alle dieses Gefühl von... Leere? Kribbeln? Unbehagen? Freude? Ich finde, das ist so eine Endzeitstimmung. Ich schweife dann immer zurück...

Ich begann mein Bachelorstudium im Jahre 2005. 2008/09 fing dann schließlich der Master an. Dazwischen hatte ich ein halbes Jahr "frei". Direkt nach dem Bachelorabschluss war meine Freude verhalten. Ja, ich hatte meinen ersten Studiumsabschluss und ich freute mich riesig über meinen Erfolg. Aber ich war ja noch nicht fertig! Ich wußte, dass ich noch weiterstudieren möchte.
Genauso erging es mir beim Abitur. Ich hatte Monate auf die Klausuren gelernt, dann nochmal auf das Mündliche. Und wie habe ich gefeiert? Ich saß mit meiner besten Freundin auf der Wiese und wir teilten uns einen warmen Piccolo. Mir hat das gereicht. Ich fühlte nicht mit, wie die anderen schrien, jubelten, die Sektkorken knallen ließen und ihre neue Freiheit feierten. Ich fühlte mich nicht frei. Nicht in dem Sinne, dass mir vorher Fesseln angelegt waren und ich nicht tun konnte, was ich wollte. Ich ging sehr gerne zur Schule, besonders die letzten Jahre. Ich war frei, in dem Sinne, dass ich nun studieren konnte, lernen konnte, was mich interessiert. Aber ich war ja auch da noch nicht fertig mit meiner Ausbildung, es fing nicht das "wahre Leben" an und mein Elternhaus beklemmte mich nicht so sehr, dass ich da so zwingend raus musste.


Heute ist es anders. Die Entscheidung zum Master, vor allem wo ich ihn studieren will, war sehr schwer für mich. Umso wichtiger war es anschließend, alles aus dem Studium herauszuholen, was nur ging. Da der Master aber noch sehr neu war, wir gehörten zu den ersten Jahrgängen, war die Struktur noch sehr weich, sehr undefiniert. Und wir waren alle enttäuscht: wir fühlten uns nicht gefordert, gefördert und lernten scheinbar nichts hinzu. Ich habe tatsächlich nicht viel im Master gelernt. Nur diese Dinge, die man wegen des Studiums im Alltag lernt: Geld verdienen, sein Leben organisieren, die Vorstellung formen, was aus einem werden soll. Schlicht: was mir wichtig ist und wie ich zukünftig mein Leben gestalten will. Aber dafür allein, hat sich der Master schon gelohnt. Denn nach dem Bachelor wußte ich das alles noch nicht so genau. Meine Interessen in der Literaturwissenschaft haben sich natürlich auch weiter verfeinert. Dementsprechend habe ich dann auch meine Abschlussarbeit auslegen können.
Diese war der erste Stein zum Bau meines Abschlusses. Jetzt kommt die mündliche Prüfung. Es gibt ja zwei Sorten von Menschen: die, denen das Schriftliche mehr liegt und jenen, denen das Mündliche mehr liegt. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Ich kann mich schriftlich wesentlich genauer, schöner und umfangreicher äußern, als im mündlichen. Privat glaubt mir das immer keiner, weil ich auch ziemlich gut labern kann. Aber eben nicht, wenn mein Wissen auf dem Prüfstand steht. Dann habe ich den Druck, auf Kommando das Richtige zu sagen, zu zeigen, was ich kann. Und das am besten gleich so formuliert, dass man versteht, was ich meine. Dazu kann ich nur sagen: bei Hausarbeiten bleibt selten die erste Fassung so stehen, wie sie ist. Am Ende ist vielleicht noch die Hälfte davon in der Endfassung vorhanden. Wie soll das also im Mündlichen funktionieren?

Meine Familie und Freunde nennen mich scherzhaft einen Streber. Für mich ist das ein Lob. In der Mittelstufe versetzungsgefährdet, arbeitete ich mich bis zur Oberstufe ins gute Mittelfeld. Ich gehörte schon immer zu den Menschen, die viel Fleiß aufbringen mussten, um erfolgreich zu sein. Da ist es nicht gerade ermutigend, wenn man Geschwister hat, die sich nur in den Unterricht setzen, hinterher nicht lernen und anschließend aber bessere Noten schreiben, als man selbst.
Der Streber, wie ich es bin, ist strebsam. Er stellt hohe Anforderungen an sich, setzt sich genau abgesteckte Ziele und beginnt schon sehr früh darauf hinzuarbeiten. Ich war keine Studentin, die die Nacht durchgearbeitet hat und noch bis um 12 Uhr mittags am Abgabetag an der Hausarbeit geschrieben hat. Meine wurden immer mindestens eine Woche früher abgegeben, ich hatte einen tag-genauen Plan, an den ich mich gehalten habe. Es braucht ja nur der Drucker auszufallen, der Copyshop geschlossen haben oder man hat eine Fußnote vergessen...ein Horrorszenario!

Nun habe ich mir auch für die mündliche Prüfung natürlich Ziele gesetzt. Vorher habe ich genau ausgerechnet, was ich für eine Leistung erbringen muss, damit die Gesamtnote so ausfällt, wie ich es gerne hätte. Das ist vielleicht ein bisschen verrückt, aber ich bin so. Gut vorbereitet, nenne ich das. Direkt nach der Abgabe der Masterarbeit habe ich deswegen auch schnell mit meinem Dozenten die Themen für die Prüfung abgesteckt. So hatte ich nun ausreichend Zeit, mich mit ihnen anzufreunden. Und dennoch: was stellt er für Fragen? Ist er mit der Schwerpunktsetzung zufrieden? Werde ich alles sagen können, was ich weiß?
Vermutlich nicht. Das ist wohl auch ganz normal. Deswegen gehe ich zum Friseur, überlege, was ich anziehe (möglichst was Schwarzes, denn ich schwitze im Stress immer viel) und lerne so gewissenhaft, wie möglich. Dann kann ich hinterher nicht sagen: Hätte ich nur...und eigentlich...wenn ich... . Dann kann ich hinterher schnell den Taschenrechner rausholen, meine Note ausrechnen und dann den Sektkorken knallen lassen. Denn diesmal werde ich feiern, und zwar richtig. Denn ich will nicht mehr weiterstudieren, sondern in das Berufsleben nun voll einsteigen. Ich fühle mich fertig ausgebildet und bereit dem Leben und der Welt zu zeigen, was ich alles kann.

Das Gefühl von Endzeit bleibt aber da. Es geht eine wichtige, große Zeit in meinem Leben zu Ende. Es stimmt, was alle immer sagen: Das Studium ist die tollste Zeit deines Lebens. Vor allem, weil man sich selbst entdeckt, seine Interessen formt und stärkt, eigenverantwortlich Entscheidungen trifft. Natürlich lernt man auch Freunde kennen, die Liebe seines Lebens und man zieht in die erste eigene Wohnung. Aber das Studium ist viel größer als all das. Größer als die Seminare, die Bücher, die Hausarbeiten. Größer als die eigene Wohnung, die Freunde und der Partner. Es ist dein Erwachsenwerden, deine Lebensschule.
Diese Zeit geht zu Ende. Und das soll einem nicht Angst, Unsicherheit und Trauer bringen?

Ich habe mal gelernt, dass man auf seine Gefühle sehr gut achten soll. Tut man dies nicht und schenkt man ihnen nicht die Wichtigkeit, die sie brauchen, dann verliert man sich selbst. Kein schönes Gefühl. In mir herrscht Endzeitstimmung, und das ist gut so. Aber deswegen wird ja auch gefeiert. Denn so schenke ich der wichtigsten Zeit meines Lebens den Abschied, der ihr gebührt. Dann habe ich Platz für Freude, Hoffnung und Mut. Dann kann der neue Tatendrang den Abschiedsschmerz und die Wehmut heilen.
Das Gefühl von Endzeit... es ist Angst und Freude, Unsicherheit und Mut, Trauer und Hoffnung. Es ist ein gutes Gefühl.

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8 Kommentare:

Am/um 9. Mai 2012 um 12:19 , Blogger Alex meinte...

Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

 
Am/um 9. Mai 2012 um 16:16 , Blogger Tanja meinte...

...und dann ist es an der Zeit für Neues! Auf welche Reise man sich begibt, steht in den Sternen, denn manchmal müssen auch Umwege in Kauf genommen werden und manchmal.... muss man einfach spontan sein. Selbst wenn man etwas noch so gut geplant hat. Ich wünsche dir viel Erfolg und dass du nach Abschluss mal so richtig die Korken knallen lässt. Ab und zu muss man sich einfach auch mal was gönnen. Eine kleine Party, einen netten Urlaub... Damit man voller Tatendrang den nächsten Berg erklimmen kann. Ich selbst habe nicht studiert. Manchmal denkt man schon darüber nach, wie was gewesen wäre, wenn man dieses oder jenes so oder so gemacht hätte. Hätte hätte hätte liegt im Bette. Aber dann besinnt man sich, und denkt: So wie es gekommen ist, ist es gut. Man baut ein ganzes Leben lang auf seine Erfahrungen auf.
Auf das alles so wird, wie du es dir wünschst.

Liebe Grüße,
Tanja

 
Am/um 9. Mai 2012 um 16:32 , Blogger Melissa meinte...

Natürlich setzt die Reservierung einer Bowlingbahn etwas voraus. Es kann aber auch ein Antrieb, eine Motivation sein. So nehme ich das. Ich freue mich auf die Feier danach. Also sorge ich auch dafür, dass etwas zu feiern gibt!

 
Am/um 9. Mai 2012 um 16:37 , Blogger Melissa meinte...

Vielen Dank für die lieben Worte!

Dieses "Was wäre wenn" und "Hätte ich nicht lieber?" kenne ich auch sehr gut. Aber letztendlich hat es ja doch immer einen Grund, warum man sich so und nicht anders entschieden hat. Und jeder Grund hat seine Berechtigung. Ich mach mir darüber weniger den Kopf. Auch auf Umwegen kommt man zum Ziel. Gibt es nicht ein schönes GEdicht, dass da sagt: es algen zwei Wege vor mir. Ein ausgetretener, gerader und ein noch unberührter. Ich nahm den der unberührt war.
Schaut man auf seinem Weg auch mal nach links und rechts, gibts immer etwas, das man noch entdecken möchte, bevor man weitergeht. Eigentlich wie im Labyrinth, da kommt man auch mal in Sackgassen. Dann geht man einen Schritt zurück und macht weiter.

Ich glaub, das Strebsame hat mir manchmal den Genuss genommen. Aber diesmal soll das nciht so sein. Ich lasse die Korken richtig knallen und danach geht frischen Mutes auf die neue Reise!

 
Am/um 10. Mai 2012 um 19:37 , Blogger christerl meinte...

Wirklich wunderbar geschrieben! Und ich verstehe dich gut.. Bevor ich mit meinem Studium fertig bin, liegt noch der große Brocken "Auslandssemester" vor mir, und das bereitet mir im Moment mehr Kopfzerbrechen und ein mulmiges Gefühl.. Aber ich fühle mich generell schon halb ein wenig im Berufsleben stehen, da ich jetzt schon Schulpraktika habe und ein bisschen Lehrer spielen darf.
Ich wünsche dir alles Gute für die mündliche Prüfung! Ich bin mir sicher, dass du das toll meistern wirst :)

 
Am/um 10. Mai 2012 um 21:22 , Blogger Melissa meinte...

Ich arbeite ja auch schon lange in Teilzeit neben meinem Studium. Also mit 104 Stunden im Monat. Da fühlt man sich dann auch mehr als Berufstätiger, denn als Student. Aber jetzt so kurz vor Schluss...irgendwie aufregend!

 
Am/um 11. Mai 2012 um 09:12 , Anonymous nämlich! meinte...

Oh, da kommt ja eine spannende Zeit auf dich zu! Besser gesagt, ist sie ja gerade sehr spannend. Eine Umbruchzeit... völlig frei und alles ist offen. Ich wünsche dir viel Spaß, Zuversicht und Leichtigkeit für diese Phase!

Ich hatte diese Phase, als ich vor über fünf Jahren mit dem Studium fertig war, leider nicht so leicht nehmen können, da ich mich selbst sehr unter Druck gesetzt hatte. Aber nun im Nachhinein kann ich auch behaupten, dass die Studienzeit wirklich eine tolle Zeit war. Und du hast recht, zum Studium gehört mehr als das Fach, was man studiert. Man lernt für das Leben. Aber "ausgelernt" hat man trotzdem nicht. Auch mit Anfang 30 frage ich mich manchmal, wann "man fertig" ist. Aber das wird man nicht. Beruflich gesehen habe ich das Gefühl, durch die Praxis mehr als im Studium gelernt zu haben. Täglich lerne ich dazu, mache Erfahrungen. Und persönlich... das hört wohl nie auf. Und das ist ja auch gut so. Leben heißt Veränderung heißt Wachsen heißt Lernen heißt Weitergehen.

Viel Glück für deine letzte Prüfung! Und vergiss nicht, dir danach mal auf die Schulter zu klopfen - das hast du verdient :-)

P.S.: Schwarze Klamotten sind auch deshalb gut, weil du souveräner wirkst ;-)

 
Am/um 13. Mai 2012 um 13:25 , Blogger Julia meinte...

Das hast du wirklich sehr gut geschrieben und ich hoffe sehr, dass du deine mündliche Prüfung genauso meisterst wie du es dir wünscht.

Ich habe das Studiumsende ja gerade hinter mir und muss zugeben, dass ich vieles von dem was du schreibst gut nachvollziehen kann. :) Auch wenn sich das bei mir mit den ersten Arbeitswochen und Umzugsplänen wieder ein wenig verändert hat.

 

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